Zu guter Letzt meine Osloreise!
Nachdem ich in Trondheim neue Energien getankt hatte, machte ich mich am 21.Juli frohen Mutes mit dem Nachtzug nach Oslo auf. Ich kam wiedermal viel zu früh am Tag an: Punkt 7 Uhr auf dem Flughafen von Oslo. Meine Freundin Maxi, die ich aus dem Chor in Aachen kenne, kam aber erst gegen 11.30 Uhr mit dem Flugzeug aus Düsseldorf. Also prüfte ich den Flughafen in weiser Voraussicht schonmal auf seine Schlafqualitäten aus und kann ihm sehr gute Noten geben. Allerdings hatte ich mein ganzes Gepäck felsenfest um mich und mit mir verwickelt, die Sachen sollten ja nicht noch einmal geklaut werden.
Die Woche mit Maxi war abgesehen von den tragischen Ereignissen in Oslo wundervoll. Ich hatte mich sehr darauf gefreut mit ihr 5 Tage lang Oslo und Umgebung anzuschauen und so einen schönen Abschluss meiner Reisen zu haben und mich auch langsam wieder auf Deutschland zu freuen. Für den Freitagabend hatten wir eine Übernachtungsmöglichkeit via Couchsurfing gefunden und nach ein bisschen Wiedersehensfreude machten wir uns auf unseren Gastgeber zu treffen. Joakim war um die 30 und mehrere Jahre beim Militär gewesen, was sich am späteren Tag als sehr beruhigend herausstellen sollte, da er auf die Ereignisse vernünftig und vorausschauend reagierte. Die Nacht über ließ er uns in seinem Bett schlafen und schlief selber auf der Gästecouch. Witzig war aber, dass er anscheinend noch nie in seiner Wohnung gekocht hatte (er wohnte erst 10 Tage darin) und keinerlei Geschirr besaß. Als Maxi und ich abends dann Lachs zubereiteten, brachten wir das Küchenequipment ziemlich an seine Grenzen.
Wir stellten unsere Rucksäcke in seiner Wohnung im Westen (wohlhabenderer Teil) der Stadt ab und machten uns auf ins Zentrum. Dort kauften wir einen Oslo-Museumspass und entschieden uns deshalb glücklicherweise nicht zuerst das Stadtinnere zu besichtigen, sondern stattdessen das Munchmuseum. Ich hatte in Bergen schon an einer kurzen Führung über ihn teilgenommen und auch hier besorgten wir uns einen Audioguide (ein iPhone) um ein bisschen mehr über die Bilder zu erfahren.
Erstaunlich war auch, welche Macht die Frauen anscheinend über ihn hatten.
Für ihm gab es drei Stadien der Frau:
Zuerst die unschuldige Verführung, unter der der Mann leidet (man beachte die blutende Hand des Mannes im unterstehenden Bild). Dann die Frau in der Mitte ihres Lebens und ihrer ganzen Macht, Sexualität und Verführung bewusst und schließlich die verhärmte, alte Frau.
Danach suchten wir erstmal mit den Audioguides/iphones im Internet nach genaueren Informationen. Nach und nach klingelten bei allen Touristen die Handys, weil besorgte Freunde anriefen. An der Information fragten wir nach wo die Bomben genau hochgegangen waren und überlegten, was wir tun könnten. Wir befanden uns im Ostteil der Stadt, mussten also irgendwie wieder in den Westteil zurück. Wir wussten nicht, ob das Stadtzentrum total abgesperrt war, wer es war und ob es weitere Attacken geben würde. Schließlich entschlossen wir uns doch die U-Bahn zu nehmen. Das war eine sehr gespenstische Angelegenheit, da wir zwischendurch die Bahn wechseln mussten, die Tunnel und jeder Ecke nach weiteren Bomben abgesucht wurden. Mitten am Tag in einer leeren U-Bahn zu sitzen, ist sehr gespenstisch.
Als wir sicher im Westteil der Stadt angekommen waren, besuchten wir noch kurz die Sprungschanze Holmenkollen von der Winterolympiade. Auch sie hatte geschlossen, da alle touristischen Anziehungspunkte vorsichtshalber gesperrt worden waren.
Wir wussten immer noch nicht, was richtig vor sich ging und das war eigentlich das Schlimmste.
Zwischendurch rief noch meine Mutter an um zu sagen, dass auf einer Insel geschossen wird, aber wir wussten ja gar nicht genau wo.
Als wir wieder bei unserem Gastgeber ankamen, guckten wir mehr oder weniger den ganzen Abend Nachrichten, netterweise auch BBC und CNN, damit wir etwas mehr verstanden.
Die Zeit, in der man gar nicht genau weiß, was um einen herum passiert und ob noch mehr Attentate zu erwarten sind, hat uns ziemlich mitgenommen. Auch wenn uns nichts passiert ist, hat uns das Ereignis doch sehr schockiert. Viele meiner Freunde kennen zumindest jemanden der verletzt ist und können die Ereignisse noch nicht ganz begreifen. Man muss sich das versuchen vorzustellen: Das schlimmste Ereignis seit dem 2. Weltkrieg. Rund 60 Jahre ohne größeren Mord und Totschlag und dann kommt ein Verrückter und richtet so viel Unheil an.
Aber, und das finde ich bewundernswert, in Norwegen herrscht eher der Gedanke, dass wenn ein einzelner Mensch soviel Unheil anrichten konnte, wieviel Gutes dann erst wir allezusammen bewirken können.
Ich habe unsere Erfahrung der Ereignisse so genau geschildert, weil ich euch allen auch nochmal danken wollte. Es hat mir sehr viel bedeutet, dass sich so viele gemeldet und in Sorge um mich waren. Es hat mich sehr gerührt, dass so viele in Gedanken bei uns waren. Auch wenn uns nichts passiert ist, waren wir doch sehr geschockt und die Fürsorge von euch hat mir sehr geholfen alles zu verarbeiten. Dankeschön.
Am späteren Abend rief ich dann Magnus (den vom Segeltrip) an und fragte ihn, ob wir zu ihm nach Lillehammer, wo er den Sommer über arbeitet, kommen könnten.
Glücklicherweise war er am Freitag noch in der Nähe in Oslo und nahm uns am nächsten Tag einfach mit. Morgens unternahmen Maxi und ich noch einen kleinen Spaziergang am See, weil wir die ständigen Nachrichten nicht mehr aushielten und es keine neuen Informationen gab.
Lillehammer liegt in der Mitte Norwegens am größten See des Landes und nach drei Stunden Fahrt waren wir angekommen. Ich werde Magnus immer für seine spontane Gastfreundschaft dankbar sein und er ist dafür immer in Aachen eingeladen :-)
Nach einem Nationalgericht (Tacos, das essen die Norweger ziemlich häufig) unternahmen wir noch einen "kleinen" Spaziergang von drei Stunden den Wasserfall hinauf und an der Sprungschanze entlang. Denn Lillehammer war auch einmal Ort der Winterfestspiele. Hier einige Eindrücke:
Ich und Troll:
Nun ja, das Wetter war sowieso schon wechselhaft.... und irgendwann wollten wir näher zum See herunter. Dummerweise war das Sumpfgebiet. Wir gingen noch ein bisschen weiter, weil wir dachten es würde bald besser werden... doch kurz bevor wir Panik bekamen, mussten wir uns doch den Rückweg durchs Gestrüpp erkämpfen. Dazu existieren sehr lustige Videos, die ich bei Bedarf gerne mal persönlich zeige :-) Als wir, begleitet von Schafen und vielen, vielen Mücken, wieder auf den Weg kamen, waren wir bis zum Knie klitschnass.
Das hat uns aber nicht die gute Laune verdorben. Gegen 6 Uhr kamen wir auf der anderen Seeseite an und bauten das Zelt auf. Zu diesem Zeitpunkt fing es an zu regnen und hörte 6 Stunden nicht mehr auf. Wir versuchten es mit Humor, aber mitten in einer Regenwolke ist es wirklich sehr kalt. Es war nass und um uns herum nur noch Nebel. Allerdings dachten wir auch, dass es zu unhöflich wäre Magnus zu fragen, ob er uns abholt, da er am nächsten Tag arbeiten musste und wir auch nicht ganz leicht zu finden waren. Da Magnus jedoch ein sehr netter Mensch ist, schrieb er um 22.30 Uhr, ob wir nicht doch abgeholt werden wollten. Wir überlegten 20 sec lang und versicherten uns, dass wir den zweiten Tag auch geschafft hätten, es aber in nassen Klamotten nicht so viel Spaß machen würde und nahmen sein Angebot dankend an.
Hier mal eine Kostprobe von unserem Befinden:
Nachdem wir am nächsten Tag ausgeschlafen hatten (wir schliefen übrigens im Obergeschoss eines Hauses von Bekannten von Magnus, das augenscheinlich eine Rumpelkammer war), spazierten wir durch Lillehammer und am See entlang und bereiteten Magnus ein Dankeschönessen, dass er sich sehr verdient hatte. Dabei passierte uns eine weitere mittlere Katastrophe, als wir irrtümlich eine Plastikform als Kuchenform nahmen, da wir dachten sie wäre aus Silikon. Falls es jemanden interessiert, flüssiges Plastik lässt sich sehr gut aus dem Backofen kratzen.
Gegen abend machten wir uns mit dem Zug auf den Rückweg nach Oslo.
Ganz Lillehammer war auf den Beinen, da um 17 Uhr der Trauermarsch in Oslo, aber auch allen anderen Städten in Norwegen, stattfand.
In Oslo übernachteten wir diesmal im Ostteil der Stadt, bei dem Freund von Magnus, den ich auf dem Segeltrip kennengelernt hatte. Grønland ist der internationale Stadtteil von Oslo und auch sehr preiswert. Am späten Abend machten wir uns nochmal ins Zentrum zum Trauerplatz vor dem Dom auf. In der ganzen Stadt war an jede freie Stelle eine Rose gesteckt oder gelegt, doch dieser Platz war einfach unglaublich. Es war Mitternacht und der Platz war voller Menschen. Alle still in ihrer Trauer und Fassungslosigkeit. In der Kirche, die voll vom Wachsduft der Kerzen war, konnten wir eine Kerze anzünden und Worte der Trauer hinterlassen.
Es war wirklich gut, dass wir diese Möglichkeit hatten. Um die Ereignisse ein Stück weit zu verarbeiten und unsere Trauer kundzutun.
Anschließend gingen wir zu den beiden Orten wo die Bomben hochgegangen waren.
Auch hier am Absperrungsgitter ist alles voller Blumen gewesen:
Am letzten Tag zogen wir dann abschließend das volle Touristenprogramm durch, um teilweise aufzuholen, was wir in den letzten Tagen nicht sehen konnten.
Zuerst besuchten wir den Vigelandpark, einem Bildhauer um die Jahrhundertwende, der sich mit dem Kreislauf des Lebens beschäftigt hatte. Es sind alle möglichen Lebenssituationen geformt und der Park enthält Hunderte von Figuren.
Das Alter und die Sorge:
Studenten "leben" auf den einzelnen Höfen und veranschaulichem dem Besucher das ursprüngliche Leben nach. Hier sieht man einen Studenten mit der Schlüsselfiedel (Nyckelharpa), dem norwegischen Nationalinstrument. Wir wurden in einer 50 Jahre Küche zum Kaffee eingeladen und dabei von anderen Touristen irrtümlich zum Personal gezählt. Außerdem tanzten wir zu Volksliedern und aßen Lefse.
Um den Abend vergnüglich abzuschließen, besuchten wir die Icebar. Dieser Raum wird konstant auf -5°C gehalten, was auf Dauer doch recht kalt ist. In das Eis sind Zeichungen und Sprüche eingeritzt oder Figuren geformt:
Natürlich bekamen wir an der Bar auch einen Drink!


So kam ich nicht nachmittags, sondern abends wieder in Trondheim an. Was ja auch keinen großen Unterschied macht bei 7 Stunden Fahrt. Das Wunderbare war, dass sich kein Passagier aufgeregt hat, sondern jeder ganz ruhig blieb.
Den darauffolgenden Tag verwendete ich zum Putzen und Packen meiner verbliebenen Sachen und am Freitag den 29. Juli zog ich dann los zum Flughafen.
Ein letzter Blick auf Steinan..
Die Zeit in Hannover war sehr schön und in Aachen lebe ich mich auch gut wieder ein, aber Norwegen vermisse ich doch sehr. Die Ruhe und Gelassenheit, die dieses Land schon im Vornherein auf mich ausstrahlte, hat sich durch meinen Aufenthalt nur bestätigt. Und das Wilde der Natur, das viele Wasser habe ich in Deutschland noch nicht wiederfinden können. Insgesamt kann ich Norwegen als Reiseziel also nur empfehlen. Durch meine Reisen habe ich zwar gemerkt, dass es nicht ganz das soziale Traumland ist, von dem viele Deutsche träumen. Doch die Norweger haben einen gelassenen, respektvollen Umgang miteinander und einen hohen Demokratiesinn, was die momentanen Ereignisse nur verdeutlichen.
Also, ich freue mich darauf, euch persönlich noch ein bisschen mehr über das halbe Jahr zu erzählen und euch wiederzusehen. Ansonsten war das fürs Erste mein letzter Blogeintrag. Bis zur nächsten Reise!
Eure Milena
